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Lesen verändert das Gehirn.

Lesen ist weit mehr als nur ein technischer Vorgang. Das haben wir uns schon gedacht, die Forschung konnte es aber über viele Jahre in zahlreichen Studien belegen. Für unser Gehirn fühlt es sich fast so an, als würden wir ein völlig anderes Leben leben.

Wenn wir über bestimmte Inhalte lesen, werden im Gehirn die entsprechenden Areale aktiv. Wenn die Hauptfigur rennt, springt unser motorischer Kortex an. Wenn Zitronen erwähnt werden, läuft uns das Wasser im Mund zusammen. Und wer hat nicht schon vor Rührung, Erleichterung oder Trauer über einem Buch ein paar Tränchen zerdrückt?

Der Fachbegriff dafür ist „verkörperte Kognition“. Unser Gehirn unterscheidet nicht vollständig zwischen fiktionalen und realen erlebten Inhalten. Jede Person, die schon mal einen Crush auf eine fiktive Figur hatte, wird das bestätigen. 

Lesen macht uns empathischer

Forschende konnten außerdem nachweisen, dass die Lektüre von Romanen die Empathie erhöht, Menschen also besser abschätzen können, was in ihrem Gegenüber vorgeht. Dem Gehirn ist es dabei völlig wurscht, ob das gegenüber aus Buchstaben, Pixeln oder „realer Materie“ besteht. Die Effekte sind umso stärker ausgeprägt, je mehr die Lektüre zum Mitdenken anregt – also viel „Show“, wenig „Tell“.

Lesen soll auch Altersdemenz vorbeugen, sich positiv auf das Herz-Kreislauf-System auswirken und das Stresslevel senken. Bei diesen Ergebnissen bin ich aber vorsichtig. Sie kommen mir ein bisschen daher wie diese Rotweinstudie, in der angeblich belegt werden sollte, dass moderate Mengen von Rotwein sich positiv auf die Gesundheit auswirken, dabei lag’s schlussendlich nur daran, dass Menschen mit Weinkeller meist bessergestellte Personen mit Privilegien und guter Gesundheitsversorgung sind. 

Lesen ist kein Wettbewerb!

Denn Lesen ist, wie Rotwein, ein Privileg. Es verbraucht Ressourcen: Zeit, Geld, Energie. Selbst wer keine Bücher kauft, sondern die örtliche Stadtbücherei nutzt, muss die Zeit lockermachen, den nötigen Organisationsgrad für pünktliche Rückgaben erreichen und ggf. Geld für öffentliche Verkehrsmittel ausgeben. Ganz zu schweigen davon, dass Menschen mit mies bezahlten Jobs, chronisch kranke Menschen, Alleinerziehende oder Menschen, die eine Menge Carearbeit zu schultern haben, eher abends vor einer Netflixserie einschlafen, als sich 800 Seiten „Babel“ von Rebecca Kuang reinzuziehen, auch wenn der noch so empfehlenswert ist.

Ich selber habe jahrelang sehr wenig gelesen, vielleicht eine Handvoll Bücher im Jahr, die nicht beruflich motiviert waren. Und das nicht, weil ich keine Lust hatte, sondern weil bei mir chronische Erschöpfung, Depression und unbehandeltes ADHS so aufeinandertrafen, dass mich der Sekundenschlaf ereilte, sobald ich ein Buch aufschlug, und zwar egal welches. Hörbücher fielen mir leichter, aber tatsächlich bin ich erst seit ein paar Monaten wieder in der Lage, das Lesen zu genießen, und ich habe keine Worte dafür, wie glücklich mich das macht.

Was wir uns also alle nicht machen sollten, wenn die Bücher mal für eine Zeitlang aus unserem Leben verschwinden, ist eines: Druck. Vielleicht sind Bücherwürmer Wesen, die gelegentlich mal einen Winterschlaf einlegen, nur um danach dann viel farbenprächtiger durch den Blätterwald zu gaukeln. 

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