Zwei Königreiche, ein nördliches und ein südliches. Im Norden gibt es Elementarmagie, im Süden eine Prophezeiung, dass die hundertste Prinzessin geopfert werden muss, um den Fluch zu brechen, der über beiden Reichen liegt. Zum Schluss stirbt die Prinzessin, wird aber von den Göttern wiedererweckt, damit sie mit ihrem Liebsten zusammensein kann.
Das ist – grob vereinfacht – der Plot des Romantasy-Romans „Midnight Princess“ von Asuka Lionera, erschienen bei Loomlight (gehört zu Thienemann-Esslinger / Bonnier-Verlagsgruppe). Es ist wohl aber auch der Plot eines Manuskripts, das die Autorin Friederike Radlof bei Loomlight eingereicht hat. Sie stand daraufhin lange mit dem dortigen Lektorat im Austausch. Geworden ist aus dem gemeinsamen Projekt nichts. Einige Monate später erschien dann der Titel der verlagseigenen Bestseller-Autorin Asuka Lionera.
Radlof stellte Strafanzeige, das Verfahren läuft, und alle Beteiligten tun hier das Richtige: nämlich, im Internet keine Details breitzutreten.
Ist da also das Konzept einer unbekannten Autorin intern an eine etablierte Verlagsautorin durchgereicht worden, deren Namen man zum Zweck der Verkäuflichkeit lieber auf dem Titel haben wollte? Allein die Idee befeuert die Ängste, die viele Schreibende umtreiben, gerade wenn sie neu in die Branche starten: „Ich rücke mein Manuskript raus, und dann klauen die das und veröffentlichen es an mir vorbei!“
Das Machtgefälle in der Branche
Ich kann diese Ängste verstehen. Bei der Veröffentlichung eines Buches, gerade bei Debüts, kommen zwei Partner*innen zusammen, zwischen denen ein Machtgefälle besteht. Schreibende sind am Anfang nicht gut vernetzt (wie denn auch), sie haben wenig Ahnung, wie die Branche tickt, ein marktfähiges Debüt ist meist ein Glückstreffer. Verlage sind für viele Außenstehende eine „black box“: Man füttert was ein, und dann hat man keine Ahnung, was darin passiert, bis irgendein Ergebnis ausgespuckt wird. Gleiches gilt auch beim anfänglichen Umgang mit Agenturen. Und natürlich ist das auch so, wenn ich mich nach absolvierter Fliesenleger-Lehre bei einem großen Betrieb bewerbe, nur sind unterstützende Strukturen für Schreibende m.E. schlechter ausgeprägt als in anderen Berufsfeldern – allein schon, weil es in der Buchbranche oft genug nicht um den Beruf geht, sondern um den Traum.
Schreibende fühlen sich also nachvollziehbarerweise ausgeliefert. Und wenn dann so etwas passiert, entsteht Vertrauensschaden, ganz egal ob schlussendlich an den Vorwürfen was dran ist oder nicht.
Also, wie ähnlich darf's denn nun sein?
Also, wie ähnlich darf’s denn nun sein?
Der Schutz von Ideen ist im Urheberrecht nicht vorgesehen, denn es bezieht sich nur auf Texte. Ich darf also natürlich nicht per „Copy & Paste“ schreiben, das wäre dann ein Plagiat. Aber wo ist die Grenze? Darf ich einen Fantasyroman schreiben, in dem kleine Leute losziehen, um ein magisches Schwert zu beseitigen, damit der Bösewicht es nicht in die Finger kriegt? Ziemlich sicher. Darf ich einen Roman schreiben, in dem kleine, wollfüßige Habits losziehen, um ein magisches Armband in einen Gletscher zu werfen? Weiß ich nicht, würd ich im Zweifelsfall lieber nicht ausprobieren.
Die Verwendung von Tropes ist kein Plagiat. Alle „enemies to lovers“ Geschichten haben eine ähnliche Figurendynamik, die kommt mit dem Trope. Prophezeiungen, dunkle Bad Boys, junge Heldinnen mit besonderen Kräften, Schlösser, Elementarmagie – alles Tropes bzw. beliebte Handlungselemente. Wenn aber zu viele eigentlich beliebig wählbare Handlungselemente gleich sind, kann man zumindest mal einem Verdacht nachgehen, das kann ich also seitens Frau Radlof gut nachvollziehen.
Ob das im aktuellen Fall so ist – keine Ahnung. Ob es sich, wenn überzufällig viele Gleichheiten vorliegen, juristisch eindeutig klären lässt – wir werden sehen. Was ich mich viel eher frage:
Hat ein Verlag überhaupt Interesse an Ideenklau?
Nach meiner Einschätzung: nein. Verlage sind auf der Suche nach mainstreamtauglichen, handwerklich gut gemachten, „instagramablen“ bzw. „tiktokisierbaren“ Manuskripten von Autor*innen, denen sie auch im Marketing Kompetenz und Beharrlichkeit zutrauen. Wer Stammautor*in bei einem Publikumsverlag ist, hat das alles und kann das alles, weiß, wie Tropes funktionieren, und schreibt i.d.R. auch nicht mehr irgendwas ins Blaue, sondern stimmt im Vorfeld schon Stoffe und Zielgruppen mit dem Lektorat ab. Ich seh also nicht, warum ein Verlag riskieren sollte, dass das rauskommt, denn so etwas kommt immer irgendwann raus, wenn es doch genug Möglichkeiten gibt, genau den richtigen Stoff für genau diesen Programmplatz zu bekommen.
Damit sage ich nicht, dass im aktuellen Fall nicht doch Ideenklau passiert ist – man hat schon Pferde kotzen sehen. Ich sage nur, dass es, wenn überhaupt, außerordentlich selten ist. Eine geklaute Idee passend zu machen, ist meist mehr Aufwand, als von vorneherein einen Themenwunsch an ein*e erprobte Autor*in durchzureichen und sich mal drei, vier Ideen für diesen Slot pitchen zu lassen. Sollten Sie also mit dem Gedanken spielen, ein Manuskript an einen Verlag oder eine Agentur zu schicken, lassen Sie sich davon nicht abschrecken. Aber schauen Sie natürlich genau hin, ob Agentur bzw. Verlag grundsätzlich vertrauenswürdig sind. Dazu an anderer Stelle mehr.
