nein, wirklich! Ich mag den aktuellen "cozy" Trend total gerne, und ich bin damit nicht allein.
Cozy Fantasy und Cozy Crime als Subgenres erleben gerade einen massiven Hype. Dabei scheint Cozy Fantasy tatsächlich ein eher modernes Phänomen zu sein: Vor dem Riesenerfolg von "Legends and Lattes" (deutsch: Magie und Milchschaum) von Travis Baldree, auf deutsch erschienen bei dtv, war Cozy Fantasy etwas, das unerkannt zwischen den größeren Genres vor sich hin existiert hat.
Cozy Crime gibt es deutlich länger. Prototyp dafür sind die Krimis von Agatha Christie, insbesondere die legendäre Rentnerin und Hobby-Ermittlerin Miss Marple. Auch später gab es im Krimi-Bereich immer Stoffe, die nicht ganz so schockierend und dafür humorvoller aufgemacht waren.
Wer kuschelt mit wem und warum?
Natürlich sind wir alle unterschiedlich: Was der einen Person schlaflose Nächte bereitet, das sitzt die andere Person lässig auf der linken Backe ab. Cozy Stoffe haben aber gemeinsam, dass sie versuchen, schlaflose Nächte zu vermeiden. Es gibt immer Hoffnung, es gibt immer eine Gemeinschaft, die zu schützen oder erhalten die Mühe wert ist. Für die einzelnen Personen geht es durchaus um viel, aber die Konflikte bleiben klein und individuell. Niemand muss nach mühseligem Fußmarsch bei schlechter Infrastruktur einen Ring in einen Vulkan werfen, um das Schlimmste zu verhindern. Verstörende Elemente, Pessimismus und Hoffnungslosigkeit werden vermieden, Gewalt, wenn für den Krimi nötig, wird nicht geschildert, sondern durchs Ergebnis definiert: Wir finden die Leiche, sind aber nicht bei der Mordtat dabei. Humor spielt eine große Rolle, Figuren dürfen "normal" und nahbar sein und skurrile Nebenfiguren werten die Geschichten auf. Und natürlich dürfen die Lesenden sich darauf verlassen, dass alles gut ausgeht.
Die Zutaten für cozy Romanstoffe
Das Erfolgsrezept besteht aus ein paar Elementen, die so oder so ähnlich immer zu finden sind.
"High Fantasy, low stakes" hat "Magie und Milchschaum" so erfolgreich gemacht. Der Weltenbau ist klassische Fantasy, aber diese Heldinnen sind nicht länger im Weltrett-Geschäft, sondern versuchen, sich zur Ruhe zu setzen.
Zentrum der Handlung ist oft ein kuscheliges Kleinunternehmen: ein Café, eine Buchhandlung, eine Gärtnerei oder ein Tierheim für Katzen.
Das Motiv der "found family" ist oft wichtiger als die romantische Liebe: Figuren finden Seelenverwandte, schließen sich zusammen und stehen füreinander ein, wie in einer Familie, nur ohne Verwandtschaft.
Atmosphäre ist wichtiger als Plot: Statt die Action in hoher Schlagzahl durchzujagen, verweilen cozy Romane länger an den ruhigen Punkten und traut den Lesenden zu, nicht sofort das Interesse zu verlieren, wenn nicht alle zwei Seiten irgendwas explodiert.
Cozy Romane haben Platz für exzentrische Figuren, schnurrige Geschichten und Themen, die ohne Schocker und Effekte auskommen.
Natürlich braucht's auch Spannung, aber die kommt eher aus den Figuren, die uns so ans Herz wachsen, dass es uns eben nicht wurscht ist, ob sie ihren Lebenstraum verwirklichen können oder nicht.
Und, man merkt's vielleicht, das ist eine Mischung, die so viel Entschleunigung und Individualismus zulässt, dass ich mich total gerne damit beschäftige. Ich bin sogar beim Schreiben dieser Zeilen sofort entspannt.
Make it cozy: 6 Ideen, um Ihren Roman zu kuschlifizieren
- Wir werfen keine Ringe in Vulkane. Cozy heißt nicht „kein Konflikt“, sondern: Die Hauptspannung entsteht aus den Beziehungen der Figuren heraus - zueinander, aber auch zu ihren Zufluchtsorten. Wir sagen "ja" zum Alltag und zu einem insgesamt ruhigen Lesegefühl.
- Im Mittelpunkt: der Sehnsuchtsort. Hier ist die Welt noch in Ordnung, oder wird es sein, wenn die Geschichte fertig erzählt ist. Egal ob die kleine Buchhandlung, das alte Theater, der Gnadenhof für Ponys oder die verzauberte Insel: Der Schauplatz ist im Cozy-Bereich nie nur Kulisse, sondern Sehnsuchtsort für die Lesenden und somit Teil des Lesereizes. Suchen Sie ein Setting aus, an dem Ihr Herz hängt, dann ist es wahrscheinlich, dass der Funke auch auf Ihre Lesenden überspringt.
- Wir bauen auf, pflegen und bewahren. Zerstören und besiegen überlassen wir dem Personal der anderen Genres. Ein Refugium ist bedroht, und wir wenden die Bedrohung ab und retten das Idyll. Das Miteinander steht ganz oben. Es geht nie darum dass ein*e Held*in sich profiliert und den Karren ganz alleine aus dem Dreck zieht (sorry, ihr Auserwählten und Prophezeiungskinder!), sondern immer darum, dass gemeinsam viel mehr möglich ist als einzeln.
- Wir sprechen weder Zynisch noch Sarkastisch. Natürlich ist auch mal Stress im Paradies. Ein cozy Roman hat aber keine zynischen, verächtlichen oder nihilistischen Töne, und es besteht immer Hoffnung, den Konflikt zu lösen. Die Figuren pflegen ein wertschätzendes Miteinander. Verächtliche oder manipulative Umgangsformen werden nicht mit Zuckerguss übertüncht ("aber er hatte doch so eine schwere Kindheit!"), sondern als schädlich benannt und nicht mit Erfolg belohnt.
- Wiederkehrende Rituale setzen einen Wohlfühlrahmen. Tee kochen, Kuchen backen, Bücher sortieren, Pilze sammeln, am Kamin sitzen, Frühstück im Wintergarten, Hundespaziergänge etc sind nicht nur Füllmaterial, sondern geben einen Rhythmus vor. Cozy lebt stark von Routinen, die auch in stressigen Handlungsphasen kleine Inseln der Erholung bieten.
- Am Schluss: Happy End! Bei Cozy Crime wird das Rätsel gelöst, der Übeltäter zur Strecke gebracht und damit die disruptive Bedrohung der Gemeinschaft abgewendet. In Cozy Fantasy finden entwurzelte Figuren einen Ort, an den sie gehören, oder / und eine neue Lebensaufgabe.
Und warum brauchen wir das?
Ein Blick in die aktuellen Nachrichten beantwortet diese Frage eigentlich schon, ich habe aber noch eine etwas andere Theorie.
Cozy Romane zeigen Figuren mit Handlungswirksamkeit. Sie können Dinge zum Guten verändern, weil sie die Kraft, die Fähigkeiten und die Solidarität ihres Umfelds haben. Sie sind nicht ausgeliefert, sie können gestalten. Ihre Welt ist überschaubar komplex. All das haben viele von uns nicht, sind es nicht und können es nicht. Uns dann also in eine Welt zurückzuziehen, in der beherztes Handeln noch zum Erfolg führt, kann sehr entspannend sein. Und Stress haben wir ja wahrlich schon genug.
